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Inhalt

Als 1999 im Norden Chinas auf mehreren Kohlenhalden menschliche Leichenteile gefunden werden, sind die Verdächtigen schnell ausgemacht. Doch bei ihrer Festnahme kommt es zu einer Schießerei, bei der die vermeintlichen Täter und auch zwei Polizisten ums Leben kommen. Der leitende Kommissar Zhang Zili wird schwer verletzt. Fünf Jahre später hat er den Polizeidienst quittiert und ist dem Alkohol verfallen. Als sein ehemaliger Kollege ihm von einem Fall erzählt, der erstaunliche Parallelen zu den damaligen Morden aufweist, ermittelt Zhang auf eigene Faust. Die Spur führt ihn zu der mysteriösen Wu Zhizhen, die mit allen bisherigen Opfern in Verbindung stand. Zhang taucht immer obsessiver in den Fall ein und verliebt sich schließlich in die schweigsame Schöne.

„Feuerwerk am helllichten Tage“ spielt mit Genremustern des Film noir. Er handelt von einem einsamen, desillusionierten Polizisten, der auf der Suche nach der Wahrheit vor allem mit sich selbst ins Reine kommen muss und sich darüber hinaus in die mysteriöse Hauptverdächtige verliebt. Durch die Verortung in einer namenlosen Provinzstadt im heutigen China erhält der Film einen sozialdokumentarischen Anstrich, der das China der kleinen Leute - abseits von Großstadtdschungel und glitzernden Metropolen - und die Tristesse ihres kargen Lebens zwischen schneeverwehten Straßen, Kohleminen und Suppenküchen beschreibt. Die schmutzige Realität der chinesischen Kleinstadt, ergänzt durch grell-bunte Neonreklamen, wird virtuos und sinnlich eingefangen. Die atmosphärisch dichten und detailverliebten Bilder prägen die visuelle Kraft des Films. Innerhalb der Formeln des Genres kombiniert er vielfältige Akzente wie Kriminalfall und Liebesgeschichte, absurden Humor und Sozialporträt zu einem diffizilen Erzählpuzzle.

Interview mit dem Regisseur


Ist der Film von wahren Begebenheiten inspiriert?
Kaum eine Geschichte ist vollkommen erfunden. Wenn man kreativ ist, steigen Fragmente des wahren Lebens, die im Unterbewusstsein vergraben sind, unweigerlich an die Oberfläche. Man könnte sagen, dass der künstlerische Prozess die Verarbeitung von Erinnerungen ist.

Es passiert zurzeit eine Menge in China. Manches ist sogar absurder als die Geschichten, die man nur in Filmen oder Büchern findet. Es ist nicht ungewöhnlich für Künstler, genau durch diese absurden, surrealen Geschichten des wirklichen Lebens die gewünschte Authentizität ihrer Werke zu erzeugen. Ich finde es sehr faszinierend, wie viele Möglichkeiten es eröffnet, wenn man Wahrheit und Absurdität miteinander verknüpft.

Warum beginnt die Geschichte mit einer zerstückelten Leiche?
Ich war schon immer fasziniert von den Launen der menschlichen Natur, die im Film Noir hervorgehoben werden. Eine Leiche zerstückeln und die Teile verstreuen, oder jemanden mit einem Schlittschuh töten … Welche Art von Mensch ist zu so etwas Grausamen fähig? „Feuerwerk am helllichten Tage“ gab mir die Möglichkeit, solche Fragen zu ergründen.

Warum haben Sie sich entschlossen, die Handlung in einer Provinzstadt weit weg von Metropolen wie Shanghai oder Peking spielen zu lassen?
Ich mag kleine Städte und Orte, die von den großen Ballungsgebieten abgeschnitten sind. Veränderungen geschehen dort langsamer, und Vergangenheit und Gegenwart können länger nebeneinander bestehen. Ich finde, das macht die Erinnerung zu einem flexiblen Gut, was es mir wiederum erleichtert, meine Themen zu erkunden. Wenn ich einen Gothic-Thriller hätte machen wollen, hätte ich einen trostlosen Ort, einen dekadenten, geheimnisvollen und wilden Ort gewählt. Aber meine Wahl des Settings hatte nichts zu tun mit der Soziologie einer Kleinstadt. Ich erzähle eine schreckliche Mordgeschichte, und die verlangt nun mal nach einem bestimmten Setting, das ihre Wahrheit unterstreicht. Ich glaube nicht, dass die Geschichte in einer weltoffenen Metropole funktioniert hätte. Ich habe mich für eine authentische Darstellung und gegen die Aufzählung von Fakten entschieden. Es gibt in China viele Orte, denen die surreale Qualität, die ich suchte, innewohnt. Ich bin froh, dass ich die Qual der Wahl hatte.

Der Film sieht aus und fühlt sich an wie ein Thriller, verfügt aber über einige deutlich nicht genre-typischen Eigenheiten, wie narrative Ellipsen und viele sorgfältig ausgewählte Weitwinkel-Einstellungen. Wie finden Sie die Balance zwischen persönlichem Stil und den Anforderungen des Genres?
Bevor ich zu filmen begann, schaute ich mehrmals „Die Spur des Falken“ und „Der dritte Mann“. Ich untersuchte die eindrucksvolle Eröffnungssequenz von „Im Zeichen des Bösen“. Ich sagte mir: „Okay, Film bietet zahlreiche Möglichkeiten des Ausdrucks, du musst bei den Dreharbeiten einfach deinem Instinkt folgen. Solange du dich auf deine eigene Weise ausdrückst, vermeidest du die Gefahr der Wiederholung.“ Ich mag starre Einstellungen, aber keine langen Kamerafahrten. Ich liebe den Einfallsreichtum des Stummfilms. Ich spiele auch gern mit Konventionen: „logisches“ Verhalten, die strikte Grenze zwischen Gut und Böse oder einfach gestrickten Figuren mit offensichtlichen Motiven. Diese Dinge wollte ich ergründen und revidieren.

Um es einfach auszudrücken: Selbst Genrefilme sollten nicht Gefangene ihrer eigenen Regeln sein. Persönlicher Stil ist nichts Feststehendes. Es ist vor allem eine Frage der einem jedem Film innewohnenden Möglichkeiten und Impulsen. Wenn man sich die Filme der großen Meister ansieht, findet man immer etwas Unerklärliches. Ich hoffe, mein eigener Stil in diesem Film ist einfach und stark.

Alle Ihre Filme beschäftigen sich mit dem Thema Vertrauen: Wie viel kann (oder sollte) man einander glauben? Warum beschäftigt Sie das so sehr?
Es geht mir weniger um Vertrauen als darum, wie wir in die Welt eines anderen eindringen, sein Gebiet, seinen Raum. Polizeiermittlungen sind ein Beispiel dafür. Wenn die Polizei eine Szene betritt, stehen sich tatsächliche Wahrheit und scheinbare Wahrheit gegenüber. Die Polizisten können das Gefühl haben, sie hätten die tatsächliche Wahrheit aufgedeckt – obwohl sie es vielleicht nicht haben. Der Prozess der Suche und des Aufdeckens ist oft sehr aufregend und erzeugt dramatische Spannung. Unsere eigene Erfahrung sagt uns, dass die Kluft zwischen Schein und Sein bis zu einem gewissen Grad beeinflusst, wie wir einander vertrauen. Im Extremfall kann sie uns auch in den Wahnsinn treiben. Beim Film stimmt die Kluft zwischen Schein und Sein überein mit der Klimax der Narration. Das klingt alles sehr analytisch, aber es geht eigentlich nur darum, wie effektiv man die Emotionen des Zuschauers einfängt.

Der englische Titel („Black Coal, Thin Ice“) unterscheidet sich vom chinesischen Originaltitel. Der englische Titel bezieht sich offensichtlich auf zwei zentrale Bildmotive: Kohle (schwarz) und Eis (weiß). Der chinesische Titel bezieht sich auf eine konkrete Szene im Film, suggeriert aber auch eine metaphorische Bedeutung – vor allem, weil ein großer Teil des Films nachts spielt. Weisen die beiden Titel auf verschiedene Aspekte des Films?
Der Unterschied zwischen den beiden Titeln spiegelt den Unterschied zwischen Realität und Traum: Kohle und Eis sind real, ein Feuerwerk am Tage ist surreal. Es sind zwei Seiten einer Medaille. Schwarze Kohle ist dort, wo die Leichenteile gefunden werden, und weißes Eis ist der Ort, wo ein Mord geschah. Zusammen erzählen sie die Fakten des Mordfalls. Wenn man den Film noch nicht gesehen hat, stellt der englische Titel einen scharfen Kontrast auf, der etwas verwischt, wenn man den Film schaut und sieht, wie die Fakten des Falls zusammen passen. All das stärkt die realistischen Aspekte des Films. Der chinesische Titel ist dagegen etwas Fantastisches, eine Art Katharsis, die Menschen benutzen, um sich vor der harten Welt um sie herum zu schützen. Durch die Verwendung dieses Titels behaupte ich auch, dass die Menschen in China diese Art von Katharsis bitter nötig haben. Ich habe versucht, nicht in die Sentimentalitätsfalle zu tappen, indem der Film nichts als eine grausige Verstrickung romantischer Bindungen anbietet. Aber ich wollte einen starken Eindruck hinterlassen! Es ging mir vor allemum unsere Fähigkeit, moralische Entscheidungen zu treffen. Menschen müssen sich bewusst entscheiden anstatt blind Anweisungen zu folgen, die sie nicht hinterfragen.

Das Schicksal des Protagonisten Zhang Zili, der vom Kriminalinspektor zum einfachen Wachmann absteigt, erinnert unweigerlich an ihren Debütfilm „Uniform“, in dem ein junger Mann vorgibt, Polizist zu sein. Gibt es da einen Zusammenhang?
Alle meine Figuren bewegen sich an der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit. Ihre Leben sind schwierig. Man könnte sagen, sie mogeln sich durchs Leben. Ich sympathisiere sehr mit ihnen und versuche ihnen zu helfen, sich durchzusetzen. Das ist auch mein Antrieb bei meiner Arbeit am Theater. Für mich sind meine Figuren eine Art Alter Ego, Ausdruck meiner Tagträume. Sie sind ein bisschen egoistisch, ein bisschen zynisch, ein bisschen einsam und clever. Ich habe keine Ahnung, wohin sie gehen, wie und wo sie enden. Aber sie verlangen nicht nach Anerkennung. Sie sind Gefangene ihrer eigenen Gedanken. Sie leben in ihrer eigenen Welt.



Kommentar des Regisseurs


Ich war schon immer ein Fan von Detektivgeschichten – besonders von denen, die sich dem Leben der einfachen Menschen verschreiben. Schon lange wollte ich einen solchen Film machen.

Das heutige China verändert sich ständig. Einige Dinge, die geschehen, sind unglaublich. Manche Mordfälle zum Beispiel erscheinen geradezu absurd, sind aber dennoch ein präziser Spiegel unserer heutigen Realität. Harmlose, scheinbar unbedeutende Ereignisse können weitreichende Auswirkungen haben.

Ich wollte einen Krimi machen, der das Leben im heutigen China zeigt. Mein Ziel war es nicht nur, ein Geheimnis zu lüften und die Wahrheit über die Beteiligten herauszufinden, sondern auch, auf unsere neue Lebenswirklichkeit zu verweisen.

Der Film dreht sich um einen schrecklichen Mord und einen nicht zu fassenden Täter. Die Geschichte stellt ein Individuum im Kampf mit sich selbst und seinen Weg zu Erfüllung und Erlösung in den Mittelpunkt. Unentschlossenheit, Feigheit, Verrat, der Impuls, sich gesellschaftlichen Normen zu unterwerfen… Das sind Schwächen, die von der Passivität und Negativität des menschlichen Herzens her rühren. Sie können den Geist vernebeln, sind aber auch ein Zeichen von Menschlichkeit.

Hintergrund zum Film


Nach der Berlinale verkündete die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua voller Stolz, chinesische Filme seien nun endlich wieder mit einem „Feuerwerk“ in die Welt der Filmfestivals eingetreten. Zhou Tiedong, der Präsident der China Film Promotion International, bekundete, dass er schon lange überzeugt war, 2013 sei das Jahr des chinesischen Films und die folgende Dekade eine chinesische. „Feuerwerk am helllichten Tage“ ist es gelungen, sowohl die Juroren der Berlinale und internationale Filmkritiker als auch das chinesische Publikum zu begeistern – und das ganz ohne Martial Arts-Klischees und Special Effects.

Seit vielen Jahren haben chinesische Filme, die Erfolg auf internationalen Festivals hatten, ein schweres Los am heimischen Boxoffice. „Feuerwerk am helllichten Tage“ bricht diesen Fluch mit einem Einspielergebnis von 13 Mio. US-Dollar nach zwei Wochen Laufzeit – ein bis daher nie gesehener Erfolg für einen Arthouse-Film ohne A-List-Besetzung. 20 Tage nach dem Start überschritt der Film die symbolische Grenze von 100 Mio. Yuan (16,2 Mio. US-Dollar). Das ist zwar nicht viel für einen kommerziellen Film, aber angesichts der Tatsache, dass in China ein Blockbuster ein Drittel aller Screening Slots besetzen kann, ist 100 Mio. Yuan ein fast unerreichbares Ziel für kleinere Filme, die normalerweise 1 oder 2 Mio. Yuan einspielen. Viele chinesische Schlagzeilen feierten den Film als Beginn einer goldenen Ära des chinesischen Arthouse-Films. Kein Wunder, dass Konkurrenzfilme angesichts dessen zu rigiden Mitteln griffen: Ende März gab Yu Jun-hao, Regisseur des Films „Ying Xiong Ben Se“ („Fighting//A Better Tomorrow“) zu, bewusst die Ticketzahlen seines Films manipuliert und außerdem hunderte Blogger dazu veranlasst zu haben, negative Kritiken zu „Feuerwerk am helllichten Tage“ zu verfassen, um die Chancen des eigenen Films zu verbessern.

Der chinesische Filmmarkt ist nach dem US-amerikanischen der zweitgrößte der Welt. Er wächst mit einer rasanten Geschwindigkeit von derzeit über 5.000 zusätzlichen Leinwänden pro Jahr. Experten erwarten, dass er innerhalb der nächsten sechs Jahre zum weltgrößten Filmmarkt wird. Dies lockt auch viele ausländische Investoren an. Denn auf dem chinesischen Filmmarkt herrscht eine Quote von 34 ausländischen Filmen pro Jahr. Um diese zu umgehen, werden oft Koproduktionen genutzt. So auch im Fall von „Feuerwerk am helllichten Tage“ , hinter dem die US-Firma Boneyard Entertainment steht. Diese umfasst prominente Investoren wie die Rapper 50 Cent, Eminem und Timbaland, und außerdem den NBA-Spieler Carmelo Anthony, die sich langfristig einen Anteil am chinesischen Filmmarkt sichern, gleichzeitig aber auch chinesische Geschichten für das internationale Publikum aufbereiten wollen.

Während es kein Problem darstellt, die vielen Sitze der chinesischen Kinos zu füllen, gibt es von staatlicher Seite aus Bedenken zur Qualität der zu sehenden Filme. Diao Yinan, Regisseur des Films „Feuerwerk am helllichten Tage“, vermutet, dass die chinesischen Behörden dem großen chinesischen Publikum bessere Filme anbieten und den Ruf des chinesischen Kinos in der Welt verbessern wollen. Dies erfordere allerdings eine Lockerung der Zensur. FEUERWERK scheint auch hierfür Pate zu stehen: Die chinesische „State Administration of Press, Publication, Radio, Film and Television“ (SARFT) entschied, den Film mit lediglich kleinen Änderungen für die chinesischen Kinos zuzulassen – obwohl der Film von übergewichtigen, depressiven Polizisten (in China werden Polizisten normalerweise nicht negativ dargestellt) handelt, und das in China sehr sensible Thema der Kohlenminen berührt, das von Korruptions- und Sicherheitsskandalen belastet ist. „Feuerwerk am helllichten Tage“ ist zwar kein offen politischer Film, aber er zeichnet ein dunkles Bild vom heutigen China und zeigt auch Schattenseiten des bemerkenswerten chinesischen Wirtschaftswachstums. Damit steht er in einer Reihe mit anderen aktuellen Filmen wie „A Touch of Sin“ (von Zhang-ke Jia) oder „No Man’s Land“ (von Ning Hao), die ihren Blick von den großen chinesischen Metropolen auf kleinere, weniger glamouröse Regionen lenken, und das Krimigenre nutzen, um aktuelle sozioökonomische Themen anzusprechen. Während jedoch „A Touch of Sin“, der 2013 in Cannes den Preis für das Beste Drehbuch gewann, immer noch im Limbus der chinesischen Zensur schwebt, waren die Maßnahmen der Behörde in Bezug auf „Feuerwerk am helllichten Tage“ sehr milde. Regisseur Diao Yinan spricht von 5 oder 6 kleineren Änderungen nach einem höflichen Austausch mit der Behörde.

Die CNN-Reportern Zoe Li bezeichnet „Feuerwerk am helllichten Tage“ aus diesen Gründen als „Game Changer“, der die Hollywood-dominierte, globale Filmlandschaft verändern könnte.

CAST


Zhang Zili   Liao Fan
Wu Zhizhen   Gwei Lun Mei
Liang Zhijun   Wang Xuebing
Kommissar Wang   Yu Ailei


CREW


Regie   Diao Yinan
Buch   Diao Yinan
Produzenten   Vivian Qu, Wan Juan
Kamera   Dong Jinsong
Schnitt   Yang Hongyu